
E-Zigaretten: Die Grenze zwischen Neugier und Sucht
E-Zigaretten: Die Grenze zwischen Neugier und Sucht
Die bunten Sticks schmecken nach Mango oder Cola und sprechen vor allem Jugendliche an. Auf den ersten Blick wirken sie harmlos. Doch was als Neugier beginnt, wird immer öfter zum ersten Schritt in die Nikotinabhängigkeit
Es ist schon dunkel, es regnet leicht. Ein süßer, fruchtiger Duft liegt in der Luft. Ein Jugendlicher zieht an einer E-Zigarette. Als der Bus kommt, verschwindet sie in seiner Jackentasche. Der süße Duft bleibt.
E-Zigaretten sind keine neue Erfindung. Seit Jahren findet man sie in den heimischen Trafiken. Die bunten Nikotinsticks schmecken nach Wassermelone, Cola oder Gummibärchen. Anders als klassische Zigaretten verbrennen sie keinen Tabak, sondern erhitzen eine Flüssigkeit, die mit Aromen und in den meisten Fällen mit Nikotin versetzt ist.
„Die Aufmachung macht sie extrem attraktiv für Jugendliche – bunt, klein, handlich“, erklärt Sophie Meingassner, klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin am Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien. „Man kann sie praktisch überall benutzen. Auch dort, wo Rauchen eigentlich verboten ist. Sie stinken nicht und fallen kaum auf.“
So wird gelegentliches Probieren zur Abhängigkeit. „Während man klassische Zigaretten leicht mitzählen kann, verliert man bei E-Zigaretten schnell den Überblick. Vielen wird erst bewusst, wie viel sie tatsächlich konsumieren, wenn sie ihre Züge einmal protokollieren.“ Bunte Designs, fruchtige Aromen und die Tatsache, dass man nahezu überall unauffällig dampfen kann, lassen das Risiko kleiner wirken, als es tatsächlich ist. So verschwimmt die Grenze zwischen harmlosem Ausprobieren und Abhängigkeit noch stärker.
Jungendliche als Zielgruppe
Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor aromatisierten Nikotinprodukten, wie E-Zigaretten. Obwohl der weltweite Tabakkonsum insgesamt rückläufig ist, bleibt Europa Spitzenreiter in Sachen Rauchen. Besonders besorgniserregend sei laut WHO der Trend bei Jugendlichen: 14,3 Prozent der 13- bis 15-Jährigen konsumieren bereits E-Zigaretten. Das ist weltweit die höchste Rate.
Junge Nutzer:innen greifen deutlich häufiger zu E-Vapes als Erwachsene, Mädchen noch stärker als Jungen. Laut WHO tragen aromatisierte Produkte, auffällige Verpackungen und Werbung in sozialen Medien dazu bei, eine neue Generation nikotinabhängig zu machen.
Denn die bunte Verpackung täuscht. Die meisten Modelle enthalten Nikotin, das schnell abhängig machen kann. „Wer mit E-Zigaretten anfängt, gerät häufig rasch in die Nikotinabhängigkeit“, warnt Meingassner. „Inzwischen weiß man auch, dass die feinen Partikel im Dampf tiefer in die Lunge gelangen als herkömmlicher Zigarettenrauch“. Denn die Aromastoffe seien ursprünglich für Lebensmittel zugelassen. Was passiert, wenn sie erhitzt und inhaliert werden, sei noch weitgehend unbekannt.

Auch in den heimischen Schulen greifen immer mehr Jugendliche zu E-Zigaretten – das geht aus einer Erhebung des österreichischen Gesundheitsministeriums hervor. Diese zeigt: Rund 17 Prozent der Schüler:innen rauchten demnach im Monat vor der Befragung mindestens einmal E-Zigarette. „Besonders in Wien steigen Schüler:innen zunehmend mit E-Zigaretten ein. Sie sind deutlich beliebter als die Tabakzigarette“, erklärt Psychologin Sophie Meingassner. Das liege vor allem an der Verfügbarkeit der Einweg-E-Zigaretten. Diese sind an fast jeder Ecke erhältlich.
Doch damit soll bald Schluss sein. Im Rahmen einer Novelle des Tabak- und Nichtraucherschutzgesetzes plant die Bundesregierung ein Verkaufsverbot für Einweg-E-Zigaretten. Die Begründung: Jugend-, Gesundheitsschutz und Umweltaspekte. Denn die Geräte enthalten nicht nur Aromen und Nikotin, sondern auch fest eingebaute Lithiumbatterien. Da sie oft falsch entsorgt werden, entstehen immer öfter Brände ich öffentlichen Mistkübeln oder Entsorgungsbetrieben.
Der Weg in die Abhängigkeit – und wieder hinaus
Die geplanten Maßnahmen würden auch dazu beitragen, dass E-Zigaretten für Jugendliche schwerer verfügbar wären, so Sophie Meingassner. „Einweg-E-Zigaretten sind für Jugendliche besonders attraktiv, weil sie günstig sind. Viele Jugendliche greifen beim ersten Ausprobieren eher zu einem Einwegprodukt, weil sie nicht sicher sind, ob sie überhaupt dampfen wollen. Auch wer wieder einsteigt, greift meist zu solchen Produkten, statt ein teures Mehrweggerät zu kaufen.“
Gesetze seien jedoch nicht alles. Fachleute setzen auf höhere Preise, klare Kennzeichnungen und das Verbot von Aromen. Vor allem Aufklärungsarbeit sei besonders wichtig. Vieles wirke so, als seien die Produkte gezielt auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten. „Die Vermarktung der Produkte orientiert sich stark an jugendrelevanten Themen. Und wenn man bedenkt, dass Nikotinabhängigkeit in den meisten Fällen bereits im Teenageralter entsteht, ist es aus Marketingsicht naheliegend, genau jene Altersgruppe anzusprechen, die besonders verletzbar ist.“
Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen harmlosem Ausprobieren und tatsächlicher Sucht. Die Suchtprävention versucht daher, den Einstieg in den Nikotinkonsum so lange wie möglich hinauszuzögern. Je früher Menschen mit Nikotin in Kontakt kommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie abhängig werden. „Im jugendlichen Alter entwickelt sich unser Gehirn noch. Gewöhnt es sich früh an das Dopamin-Gefühl, das durch Nikotinkonsum ausgelöst wird, sucht es immer wieder nach genau diesem vertrauten Empfinden.“ Denn etwa zwei Drittel derjenigen, die E-Zigaretten konsumieren, greifen auch zu Tabakzigaretten, so Meingassner. „Dieser Dualkonsum ist sehr üblich. Wenn gerade keine E-Zigarette zu Hand ist, greifen viele zur herkömmlichen Zigarette. Da geht es darum, schnellstmöglich an Nikotin zu kommen.“
Das beobachtete die Expertin auch bei ihrer Arbeit beim Rauchfrei Telefon der Österreichischen Gesundheitskassa (ÖGK). Dabei handelt sich um eine telefonische Beratungsstelle, die Menschen beim Aufhören unterstützen will. Sophie Meingassner hat das Rauchfrei Telefon 2006 gemeinsam mit ihrem Team ins Leben gerufen. „Für Jugendliche ist das Angebot passend, da die Beratung telefonisch, kostenlos und ohne Termin möglich ist.“
Oft merken Jugendliche erst, dass sie süchtig sind, wenn sie schon mitten drinnen stecken. Im ersten Schritt der Beratung gehe es deshalb vor allem darum, den Jugendlichen ein klares Bild von ihrer Abhängigkeit zu vermitteln. Gemeinsam wird geklärt, wie sich die Sucht zeigt und warum Betroffene etwas verändern wollen – etwa aus gesundheitlichen, finanziellen oder persönlichen Gründen. Anschließend wird gemeinsam ein individueller Ausstiegsplan entwickelt. „Manche Jugendliche setzen auf einen klaren, rauchfreien Starttag, andere bevorzugen ein schrittweises Reduzieren“, sagt Meingassner. Ein zentraler Teil der Beratung bestehe darin, neue Strategien zu entwickeln, damit die Jugendlichen typische Alltagssituationen wieder bewältigen können.
Etwa wie sie Hände, Gedanken oder Pausen sinnvoll beschäftigen können, ohne zur E-Zigarette zu greifen. Ob beim Warten auf den Bus, in der Pause zwischen zwei Unterrichtseinheiten, beim Scrollen am Handy oder einfach, wenn kurz Langeweile aufkommt. Oft sind es nur wenige Züge, verteilt über den Tag. Unbemerkt entsteht ein Muster, das schwer zu durchbrechen ist. So wird aus gelegentlichem Dampfen ein Leben in der Nikotinabhängigkeit.
