Miriam Amelie Rieser, Magdalena Unterweger

© Costas Constantinou

An die Grenzen des Körpers tauchen

Mit einem Atemzug tauchen sie in die Tiefe. So tief, dass die Lunge auf die Größe einer Faust zusammenschrumpft. Beim Apnoetauchen geht es um mentale Stärke und die Jagd nach Rekorden. Wie fühlt es sich an, die eigenen Grenzen herauszufordern?

Ein letzter Atemzug und Christin Gerstorfer taucht langsam in die Tiefe des Meeres. Der Druck steigt. Bei der Weltmeisterschaft 2025 in Limassol in Zypern ist die junge Apnoetaucherin auf dem Weg zu einem neuen nationalen Rekord. Sie will als erste Österreicherin 75 Meter Tiefe erreichen. Sie taucht immer weiter hinab. Die Luft in Christin Gerstorfers Lungen ist noch dieselbe, die sie an der Wasseroberfläche eingeatmet hat. Zusätzlichen Sauerstoff gibt es nicht. Ab einer gewissen Tiefe hat sie keinen Auftrieb mehr. Sie beginnt zu fallen, der sogenannte Freefall. Sie erreicht die angestrebte Tiefe und greift nach der 75-Meter-Marke, dem “Tag”. Bei der Wende wird ihr plötzlich schwindelig. Panik.

Christin Gerstorfer taucht derzeit bis knapp 75 Meter in die Tiefe. © Costas Constantinou

Apnoetauchen ist eine Kombination aus Atemtechniken und mentaler Stärke, erklärt Christian Schneider, Apnoelehrer in Wien. Vor einem Tauchgang müsse man sich Zeit nehmen, um mit speziellen Atemtechniken den Körper herunterzufahren und den Puls zu reduzieren. “Man atmet ganz ruhig, wie vor dem Schlafen gehen.” Um Energie zu sparen, müssen alle Anspannungen im Körper gelöst werden. “Ich gehe wirklich Muskelpartie für Muskelpartie durch, bis alles komplett entspannt ist.” Zusätzlich wird der Tauchgang visualisiert. Dann folgt ein tiefer Atemzug, ein Druckausgleich. Er taucht ab.

Christian Schneiders Motivation ist, mit der eigenen Luft die Unterwasserwelt zu entdecken. Das meiste Leben unter Wasser finde sich 20 Meter unter der Wasseroberfläche. “Ich muss es nicht immer voll ausreizen, ich will hauptsächlich Spaß dabei haben.” 

Jagd nach Rekorden

Auf 75 Meter Tiefe bei der Weltmeisterschaft wird Christin Gerstorfer der Druck zum Verhängnis. Sie erlebt die Gewalt des Drucks. Durch eine nicht vollständig ausgeheilte Erkältung ist sie anfälliger als gewohnt. Sie erleidet ein Barotrauma: Ihr Trommelfell wird überdehnt, der Druck in den Ohren ist unterschiedlich stark. Das kann zu Orientierungslosigkeit und Schwindel führen. “Man weiß gar nicht, wo man ist. Ich wollte einfach nur rauf.”

Alle 10 Meter steigt der Druck um 1 bar. Ab ungefähr 15 Meter Tiefe beginne man den Druck in der Lunge zu spüren, erklärt Christian Schneider. Die Lunge komprimiert sich, das sei am Anfang sehr unangenehm. “Man glaubt, jemand quetscht einem die Lunge zusammen und die Luft ist weg.” Dieser steigende Druck im Wasser ist eine Herausforderung auf der Jagd nach Rekorden.

Diese spielen laut Christin Gerstorfer auch in der Community eine große Rolle. “Es ist schon ein Ding, worüber wir uns sehr gern profilieren”, erklärt sie. Sie spürt dabei einen Pioniergeist. ”Im Endeffekt zeigt es, ich bin tiefer als eine Person vor mir getaucht.” Mit den Rekorden wolle sie sich selbst etwas beweisen und damit in die Geschichte eingehen. “Natürlich bin ich sehr stolz darauf, mit meinen jungen Jahren und in dieser kurzen Wettkampfzeit von zwei Jahren 13 Rekorde gebrochen zu haben.“ Fast jeder Wettkampftauchgang war bisher ein Rekord.”

Als einzige Orientiertung: das Seil

Wichtig sei es, während des gesamten Tauchgangs entspannt zu bleiben, erklärt Christian Schneider. Ausrüstung braucht man nur wenig: einen Neoprenanzug, eine Schwimmbrille und eine Nasenklammer. Je nach Disziplin kommen zusätzlich noch Flossen oder ein Bleigurt zum Einsatz. Beim Tauchen in offenen Gewässern dient ein, an einer schwimmenden Boje befestigtes, Seil zur Orientierung.

Für das Apnoetauchen genügt ein Neoprenanzug, eine Schwimmbrille und eine Nasenklammer. © Christian Schneider

Das Seil half auch Christin Gerstorfer Ruhe zu bewahren: “Ich habe das Seil schon gesehen, aber es ist vor meinen Augen herumgesprungen.” Sie vertraut auf automatisierte Bewegungsabläufe, obwohl ihre Sinneswahrnehmungen sie zu täuschen versuchen. “Ich wusste nicht, wo ich war, aber ich wusste, ich kann die Wende blind ausführen.“ Sie zieht an dem Seil, an dem die Taucher:innen entlang gleiten und weiß wieder wo oben und wo unten ist. 

Im Versuch, schnell aufzutauchen, überanstrengt sich Christin Gerstorfer. Ihr Gehirn bekommt zu wenig Sauerstoff. Wie im Autopilot taucht sie auf und ihr Coach schreit sie an: “Atme, atme, atme”. Sie hatte sich vorgenommen, wie nach jedem gelungen Tauchgang zu lächeln. Doch an der Wasseroberfläche merkt sie, wie sie zittert. “Samba” nennen Apnoetaucher:innen diesen Loss of Motor Control (LMC), eine Vorstufe zur Bewusstlosigkeit, des sogenannten Blackouts. Zu einem Samba kommt es, wenn die Sauerstofflevel im Körper so niedrig sind, dass die Kontrolle über die Muskeln verloren geht. “Das nennt sich Samba, weil wir so aussehen, als ob wir tanzen würden.”

Niemals alleine tauchen

Tatsächlich befinden sich die “tanzenden Taucher:innen“ kurz vor der Bewusstlosigkeit. Diese kann im Wasser lebensgefährlich werden, wenn niemand hilft. So wie etwa bei Steven Keenan. Die 2023 erschienene Dokumentation “Der tiefste Atemzug” zeigt, wie er beim Versuch seine Kollegin Alessia Zecchini zu retten, selbst ein Blackout erleidet und ertrinkt. Der Unfall ereignet sich in Dahab, in Ägypten, beim sogenannten Blue Hole. Es gilt als gefährlichster Tauchplatz. Hier ließen schätzungsweise bereits mehrere 100 Taucher:innen ihr Leben, offizielle Statistiken fehlen.

Das Image des gefährlichen Apnoesports halten sowohl Christian Schneider als auch Christin Gerstorfer für ungerechtfertigt. “Wettkampf ist eines der sichersten Umfelde, die es gibt”, betont Christin Gerstorfer. Es gibt Sicherheitstaucher:innen, die Wettkampftaucher:innen auf verschiedenen Tiefen treffen. Das ganze Seilsystem, an dem die Taucher:innen entlanggleiten, kann hochgezogen werden. Beim Wettkampf gibt es auch ein Rettungsboot und eine Druckkammer. Dennoch ist Christin Gerstorfer die Kraft des Wassers bewusst: “Den Respekt vor dem Wasser verliert man nicht. Er wird immer mehr, je tiefer man ins Meer eintaucht und je tiefer man auch das Wasser kennenlernt.” 

Getaucht wird niemals allein. Bei Wettbewerben gibt es ein Sicherheitsteam mit Sicherheitstaucher:innen und Ärzt:innen, um im Notfall die Taucher:in zu retten. © Costas Constantinou

Das oberste Gebot ist, niemals alleine zu tauchen. “Das ist das schöne, es ist ein sicherer Sport, wenn du ihn mit einem Limit machst”, erzählt Christian Schneider. Auch bei seinen Trainings unterstützt er seine Schüler:innen dabei, ihre Grenzen kennenzulernen. Hierbei kann es auch im Training zu Blackouts kommen, dann sind Ruhe und Know-How gefragt: “Wenn mal ein Blackout passiert, kommt man an die Oberfläche, nimmt die Maske ab, bläst dem Taucher ins Gesicht, spricht ihn mit Namen an. Die Rezeptoren wissen, okay da ist Luft, man wacht wieder auf und alles ist wieder gut.” 

Der Traum nach mehr

Auch Christin Gerstorfer wird bei der Weltmeisterschaft in Limassol eine Grenze aufgezeigt. Aufgrund des Sambas erreicht sie das Seil zu nah an der Wasseroberfläche. Eine Welle trifft sie. Sie kann sich nicht mehr halten. Ein Samba beim Auftauchen führt zur roten Karte – zur Disqualifizierung. Im Wettkampf beurteilen Wertungsrichter:innen den Tauchgang. Das Protokoll verlangt das Entfernen der Schwimmbrille und der Nasenklammer, ein OK-Zeichen mit der Hand, den Satz “I’m okay.”, das stabile Festhalten an einem Seil und das Vorweisen des aufgetauchten Tags. Dann erhalten die Taucher:innen eine weiße Karte. „Wenn ich am Seil höher gegriffen hätte, dann hätte ich den Tauchgang geschafft und die weiße Karte bekommen.”

Christin Gerstorfer taucht nach einem gelungen Tauchgang immer mit einem Lachen im Gesicht auf. © Costas Constantinou

Bis Mai will Christin Gersthofer diese weiße Karte für die 75 Meter erhalten und somit die tiefste Frau Österreichs werden. “Das war immer mein Ziel.” Damit ist aber noch nicht genug: “Ich möchte schauen, ob ich die 100 Meter schaffe. Das ist mein großer Traum.” Um dem Ziel näherzukommen, muss sich Christin Gerstorfer mit der Technik des “Packings” auseinandersetzen. Eine besondere Atemtechnik, bei der versucht wird, mehr Luft einzuatmen, als die eigentliche Lungenkapazität zulässt. Wird die Technik falsch angewandt, kann sich die zusätzlich eingeatmete Luft beim Auftauchen ausdehnen. Das kann zu einem Lungenriss führen. Durch diese Technik erhöht sich auch das Risiko für Blackouts, da der Druck der zusätzlichen Luft zu Blockaden im Gehirn führen kann, erklärt Christin Gerstorfer. Sie selbst nutzt die Technik derzeit noch nicht. “Aber es wird ein großer Gamechanger sein und dann werden wahrscheinlich auch die 90 oder 100 Meter für mich greifbarer.“

Aktuell arbeitet sie aber daran, sich einen nationalen Rekord zurückzuholen, den ihr eine österreichische Mitstreiterin abnahm. Sie weiß: “Natürlich hole ich ihn mir bald wieder, keine Frage.” 

Eine kleine Wiedergeburt
Christian Schneider will vor allem die Unterwasserwelt genießen. © Christian Schneider

Christian Schneider beschreibt die Zeit unter Wasser als eine kleine Ewigkeit. “Du hast deinen einen Atemzug. Du kannst dir alles in Ruhe anschauen und genießen.” Genau darum gehe es: “Alles ist einfach wie weggeblasen.” Für ihn ist es kein Wegrennen vor der Realität, er lässt die Oberfläche hinter sich und “all der Blödsinn der da oben abgeht, ist in dem Moment irrelevant.” Auch Christin Gerstorfer beschreibt einen Tauchgang als das Eintauchen in eine andere Welt. “Es ist wie ein Zurückkommen zu mir.” Das Auftauchen empfinde sie wie eine Rückkehr in die Realität, wie nach einer Woche Urlaub. Wenn der Sauerstoff wieder fühlbarer ist: “eine kleine Wiedergeburt, ein Reset.”