Laura Rieger

„Letztendlich ist es nur Kopfsache“

Franz Leitner managt die Logistik der Österreichischen Post – und kämpft sich in mit einem mentalen„Erste Hilfe-Koffer“ durch Ironman-Distanzen. Bei seiner zweiten WM auf Hawaii kollabierte er nach einem Verpflegungsfehler, kämpfte sich aber ins Ziel. Gelungen ist ihm das nur dank eines aufmerksamen Norwegers.

Franz Leitner weiß, wie es sich anfühlt, rund vier Kilometer zu schwimmen, 180 Kilometer zu radeln und 42 Kilometer zu laufen. Der Niederösterreicher hat rund 20 solcher Wettkämpfe auf seinem Konto. An seine persönlichen Grenzen ist er 2018 gestoßen. Es war seine zweite Ironman-WM auf Hawaii. „Ich bin fast zusammengebrochen“, erzählt der heute 52-Jährige. Den Wettkampf habe er dennoch erfolgreich absolviert. Mit Hilfe eines norwegischen Zuschauers. „Am Tag nach dem Wettkampf hat er mich erkannt und mir erzählt, wie er mir die letzten zwei Kilometer geholfen hat“, erzählt Leitner. Am Tag danach sind sie sich zufällig begegnet, der Zuschauer hat den Österreicher erkannt. Leitner hatte sich an nichts erinnert.

Wenn zu viel Wasser schadet

Leitner weiß, dass er selbst Schuld war. In körperlichen Ausnahmesituationen ist es wichtig, den Körper ausreichend mit Salzen – auch Elektrolyte genannt – zu versorgen. Elektrolyte steuern lebenswichtige Prozesse im Körper. Ein Mangel kann wie bei Franz Leitner zu Muskelkrämpfen, Erschöpfung oder Kreislaufproblemen führen. 

Entlang der Ironman-Strecke gibt es Labestationen mit Wasser, Bananen und Elektrolytgetränken, die die Athletinnen und Athleten versorgen. Leitner hat im Laufe des Rennens nur mehr reines Wasser getrunken. „Das ist lebensgefährlich. Wenn du nur mehr Wasser trinkst und so viel schwitzt, schwemmst du die Salze aus dem Körper.“ 

Franz Leitner hat bei den Labestationen Wasser ohne Salze zu sich genommen. Das führte zum Versorgungsfehler. (Sujetfoto, Fotocredit: Pixabay)

Franz Leitners Körper fehlten die Mineralstoffe. Er konnte kaum mehr laufen, ins Ziel hat er es dank des Norwegers geschafft. „Er hat mir immer wieder gesagt ‚Watch the line!“, mich immer wieder aufgefangen und mir Elektrolyte gegeben.“ Für die letzten zwei Kilometer habe er damals rund 30 Minuten gebraucht. Zum Vergleich: Seinen ersten Marathon absolvierte er in drei Stunden, das entspricht rund vier Minuten pro Kilometer. 

Franz Leitner ist über seine Grenzen gegangen. Geholfen hat ihm autogenes Training. Thomas Brandauer, Sportpsychologe am Olympiazentrum Kärnten, erklärt, Sportlerinnen und Sportler können dabei mit gezielter Entspannung Körper und Kopf in einen kontrollierten Zustand bringen. „Der Kopf gibt als erster auf. Der Körper ist noch sehr viel länger leidensfähiger. Im Triathlon ist das sehr markant“, erklärt Brandauer.


Wettkämpfe werden im Kopf entschieden

Im Sport geht es oft darum, seine eigenen Grenzen auszuloten. Unter extremen Belastungen greift der Organismus auf Reserven zurück, die nicht bewusst gesteuert werden. Eine zentrale Rolle spielen Hormone wie Adrenalin oder Cortisol. Diese sorgen für eine erhöhte Leistungsbereitschaft. Gleichzeitig verfügt der Körper über energetische Speicher, um die Versorgung der Muskulatur langfristig zu sichern. 

„Der menschliche Körper ist so gebaut, dass er bis zu einer gewissen Grenze geht und das ist trainierbar“, sagt Leitner, der Logistik-Chef der Österreichischen Post AG ist. Ziel ist es, diese Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie intelligent auszudehnen. Gelingen kann das durch systematisches Training und gezielte Regeneration.

Franz Leitner bei der Ironman-WM 2025. Er belegte mit einer Zeit von 11 Stunden 26 Minuten und 27 Sekunden den 933. Platz.
(Fotocredit: Leitner)

Nachdem ihn schmerzende Bandscheiben zum Abschied vom Tennis gezwungen hatten, fand Franz Leitner seine Leidenschaft im Ausdauersport. In Wettkämpfen stößt er dabei oft an mentale Grenzen: „Du musst den Körper mit einem Trainingsplan gut vorbereiten, aber letztendlich ist es nur eine Kopfsache.“ Er behilft sich in schwierigen Phasen des Rennens mit – wie er sie nennt – Mindset-Games. Das sind mentalen Strategien wie innere Dialoge oder kleine gedankliche Aufgabe. Denn: „Du fragst dich schon oft, warum du dir das jetzt antust. Da ist es wichtig, dass du die Antworten darauf hast.“


Klar definierte Ziele als Wegweiser

Dem schließt sich Sportpsychologe Brandauer an. So sei es in jedem Rennen eine Voraussetzung, eine klare Ausrichtung vor Augen zu haben. „Auf dem Weg dorthin gilt es zu schauen: Was sind Schlüsselpassagen? Wie schaut es beim Schwimmen aus? Wie ist der Umstieg aufs Rad? Da versucht man, sich Routinen zurechtzulegen.“

Brandauer spricht hier von einem „Erste Hilfe-Koffer“, den man in Gedanken bei sich hat. Wenn es gut läuft, wird er kaum zum Einsatz kommen. Anders ist es in Situationen, an denen der Körper an seine Grenzen stößt. Bei sehr hohem Tempo kippt der Stoffwechsel vom sauerstoff-basierten Modus in die anaerobe Energiebereitstellung – und genau dann schnellt das Laktat im Blut nach oben.

Was ist Laktat?

Laktat ist ein Stoff, den der Körper bildet, wenn die Muskeln bei anstrengender Bewegung schnell Energie brauchen, aber nicht genug Sauerstoff zur Verfügung steht. In diesem Fall wird Zucker in den Muskelzellen ohne Sauerstoff abgebaut, wobei Laktat entsteht. Es hilft dabei, weiterhin Energie zu liefern, kann sich jedoch bei hoher Belastung ansammeln und dann ein brennendes oder müdes Gefühl in den Muskeln verursachen.

Für Athletinnen und Athleten ist das der Moment maximaler kurzfristiger Power, aber auch der Beginn spürbarer Ermüdung. Im Sport dient dieser Anstieg als innerer Warnmesser: Er markiert die Zone, in der Leistung möglich ist, aber nur noch auf Zeit. „Das wird sich auf die Psyche auswirken und da gilt es sich mit dem eigenen Willen und dem eigenen Durchhaltevermögen auseinandergesetzt zu haben.“ Um persönliche Grenzen zu überwinden, ist Selbstvertrauen entscheidend. Daher empfiehlt Brandauer sich zu überlegen, wie man das eigene Selbstvertrauen im Wettkampf gut stützen kann.


Eigene Strategien wählen

Leitner glaubt von Anfang an an sich und hilft sich mit Visualisierungen. Über Monate hinweg bereitete er sich mental auf seinen ersten Wettkampf vor: Ein Finisherfoto versah er mit seinem Gesicht und platzierte es sichtbar in seiner Wohnung. „Ich habe das permanent gesehen und war mir deshalb sicher, dass ich es schaffe“, sagt Leitner.

Umzieh-Station zwischen den Disziplinen beim Ironman (Sujetfoto, Fotocredit: MatteoBaronti/Pixabay)

Mentale Strategien spielen nicht nur beim Durchhalten oder Bekämpfen der Schmerzen eine Rolle, sondern auch wenn es darum geht, mit unerwarteten Bedingungen klarzukommen. Beispielsweise kann das bei der Ironman-WM auf Hawaii ein zu hoher Wellengang beim Schwimmen sein. „Da ist wichtig, dass man für sich diesen Verlauf einmal durchdenkt. Da gibt es immer wieder einmal harte Phasen“, erklärt Brandauer. Welche „Medikamente“ aus dem mentalen Erste-Hilfe-Koffer genommen werden, wird individuell entschieden. Denn sie haben, so wie Tabletten, auch individuelle Nebenwirkungen. 

Die durchschnittliche Finisher-Zeit liegt für 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen bei circa 13 Stunden. Brandauer stuft den eigentlichen Wettkampftag als einen großen Angriff auf das Immunsystem ein: „Das ist sicherlich nicht gesundheitsförderlich an diesem Tag. Allerdings ist das Training davor sehr wohl gesundheitsförderlich.“ Zwei bis drei Wochen brauche der Körper, um sich von der Ironman-Belastung zu erholen. 

Franz Leitner will seinen Namen erneut auf der Finisher-Liste finden. (Fotocredit: Leitner)

Auch mit 20 Ironmans am Konto bleibt jeder Ironman eine körperliche Herausforderung. „Die Schmerzen kommen irgendwann, da brauchen wir uns nichts vormachen“, erzählt Leitner. Wenn es so weit ist, müsse man die Schmerzen willkommen heißen. Sich mit dem Körper zu beschäftigen und den Schmerzen Namen zu geben würde helfen, Ausdauersport auszuhalten. Diese Strategie bestätigt Brandauer. Es sei wichtig, sich in die körperlichen Schmerzen hineinzudenken, um mit ihnen umgehen zu können. 

Leitners mentale Strategien haben es ihm ermöglicht 20 derartiger Wettkämpfe zu bestreiten. Für ihn ist seine persönliche Grenze noch nicht erreicht. Mit seiner Ironman-WM 2027 hat Leitner das nächste große Ziel vor Augen. Es wäre seine vierte Weltmeisterschaft. Auf ausreichend Elektrolyte will Leitner nicht mehr verzichten, dem Norweger will er erst wieder hinter der Ziellinie begegnen.


Thomas Brandauer ist Sportpsychologe am Olympiazentrum Kärnten. Er absolvierte ein Studium der Psychologie, Pädagogik und Philosophie sowie Anglistik und später ein Diplomstudium Psychologie. Seit 2006 ist er Leiter des sportpsychologischen Kompetenzzentrums des Landes Kärnten sowie Lektor für Angewandte Sportpsychologie am Institut für Psychologie an der Universität Klagenfurt.

Franz Leitner ist 52 Jahre alt und nimmt seit rund 20 Jahren an Ironman-Wettkämpfen teil. Für ihn ist Extremsport mehr als nur ein Hobby. Der gebürtige Niederösterreicher studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien Logistik und Transportwirtschaft. Seit 2019 arbeitet er bei der Österreichischen Post AG. Seit 2020 fungiert er als Executive Vice President Logistics Centers & Transport.