Leo, Xaver

Was die Berge einen übers Leben lehren

Eine Gebirgskette des Himalaya auf ca. 3500 Metern Höhe
Das Handwerk eines Trekking Leaders
Wenn der Sturm das Kommando übernimmt

Wie wichtig diese akribische Vorbereitung sein kann, zeigte sich am 21. April 2023 im Langtang Valley. Dipak führte eine vierköpfige Wandergruppe auf den Gipfel des Yala Peak auf 5.500 Metern. Insgesamt sollte die Wanderung neun Tage dauern, sechs Tage Aufstieg, eine Nacht am Fuß des Gipfels und dann wieder drei Tage Abstieg. Bis zum finalen Aufstieg auf den Gipfel lief alles wie geplant: Sonnenschein, keine Probleme bei den Reisenden und auch für den Gipfel versprach die Wettervorhersage perfekte Bedingungen.

Die Gruppe brach um 7 Uhr morgens bei Sonnenschein und milden Temperaturen auf. Doch auf rund 4.700 Metern Höhe verschlechterten sich die Bedingungen rasch: Aus leichtem Schneefall entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit ein starker Schneesturm, die Sicht sank auf unter zehn Meter. Kälte und erste Symptome der Höhenkrankheit belasteten mehrere Teilnehmer zunehmend.

Auf etwa 5.000 Metern stand die Gruppe schließlich vor einer Entscheidung: eine Übernachtung mit dem Risiko eingeschneit zu werden oder der Abstieg unter schwierigen Bedingungen. Nach Rücksprache mit den Reisenden entschieden sich Dipak Tiwari und sein Team für den Abbruch und den sofortigen Abstieg.

In absoluter Dunkelheit und bei heftigem Schneefall führte Dipak sechs Menschen an einem steilen, teils etwa 100 Meter tiefen Abhang entlang. Er ging voraus, schaufelte mit seinen eigenen Beinen einen Weg durch den tiefen Schnee und bewies jene mentale Stabilität und Orientierung, die seinen Ruf als Senior Leader festigt. Die Erleichterung, als gegen 22 Uhr die Lichter des Dorfes sichtbar wurden, war grenzenlos.

Die Lehre der Demut

Am nächsten Morgen zeigte sich der Himalaya von seiner ironischen Seite: Bestes Wetter und ein strahlendes Panorama offenbarten sich der Gruppe. 

Der Ausblick über das im Gebirge gelegene Dorf am nächsten Morgen

Der Gipfel wäre nur noch 500 Meter entfernt gewesen. Doch für Dipak war das keine Enttäuschung. Für ihn war der Abbruch kein Scheitern – sondern die richtige Entscheidung zur Vernunft. Als Guide lehrte seine Gruppe an diesem Tag die wichtigste Lektion der Berge: Demut. Seine wahre Aufgabe ist es nicht, Menschen um jeden Preis auf einen Gipfel zu bringen, sondern zu erkennen, wo das Abenteuer in tödliche Gefahr umschlägt.

Ein Ausblick auf den Wandel

Dipak beobachtet auch, wie sich seine Heimat verändert. Der Tourismus im Himalaya ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. Die Pfade werden belebter, Teehäuser und Straßen verbessern sich in rasender Geschwindigkeit. Während er die Fortschritte bei der Sicherheit und dem Bewusstsein für nachhaltiges Reisen begrüßt, sorgt er sich auch um den Schutz der Kultur und der Natur.

Trotz der ständigen Gefahr – seine Familie sorgt sich nach wie vor bei jeder Tour – bleibt Dipak Tiwari seiner Berufung treu. Er hat gelernt, den Bergen mit Respekt zu begegnen. Jede Schramme und jeder blaue Fleck ist für ihn ein Teil des Jobs. Die tiefe innere Ruhe, die dieser Job und die Berge generell ihm geben, würde er für nichts auf der Welt eintauschen.

Dipak Tiwari ist mehr als ein Guide; er ist ein Mittler zwischen den Kulturen und ein Bewahrer der Sicherheit in einer Welt der Extreme. Er zeigt, dass eine Grenzerfahrung nicht darin besteht, eine Grenze zu überschreiten, sondern darin, diese Grenze rechtzeitig zu erkennen und zu respektieren.

Dipak Tiwari ist Tour-Guide bei den Himalayan Masters. Er ist 1996 im Gorkha District in Nepal geboren und leitet seit rund 5 Jahren Touren durch den Himalaya. Dabei führt er Touristen vor allem über den Manaslu Circuit und den Langtang Valley Trek – zwei anspruchsvolle Routen, die bis in Höhen von über 5.000 Metern führen.