
Was die Berge einen übers Leben lehren
Was die Berge einen übers Leben lehren
Dipak Tiwari führt Menschen durch traumhafte Landschaften, felsige Klippen und gnadenlose Schneestürme – und das auf über 5000 Meter Höhe. Er ist Guide im Himalaya, und geht auf seinen Reisen immer wieder an seine mentalen und körperlichen Grenzen.
Dipak Tiwari wurde 1996 im nepalesischen Gorkha-Distrikt geboren. In einer Region, in der es kaum befestigte Straßen gibt, ist das Wandern auf steilen Pfaden kein Sport, sondern Teil des täglichen Lebens. Für die Bewohner der Bergdörfer auf 2.000 bis 4.000 Metern ist Trekking der Weg zur Schule, zur Arbeit oder zur Familie.
Von dieser Region leitet sich auch der Name der legendären „Gorkha-Armee“ ab – nepalesischen Soldaten, die im Dienst der britischen Krone stehen und weltweit als besonders tapfer, loyal und widerstandsfähig gelten. Dipak erklärt, dass man diese Zähigkeit nur in den Bergen lernt, weshalb er und seine Landsleute sehr stolz auf diese Kämpfer sind.

Der 29-Jährige entschied sich jedoch gegen das Militär und für die Berge. Bereits mit 16 Jahren begann er als Porter und schleppte schwere Ausrüstung für Touristen. Drei Jahre lang studierte er die Routen, die Risiken der Höhe und die Launen der Natur, bevor er seine Lizenz als Guide erwarb. Heute ist er Senior Trekking Leader bei Himalayan Masters und erklimmt regelmäßig Höhen von bis zu 6.000 Metern.

Für Dipak sind die Berge weit mehr als ein Arbeitsplatz. Sie sind heilig, ein spirituelles Zuhause und der Wohnsitz von Göttern und Vorfahren. „Die Berge lehrten mich etwas sehr Wichtiges: ruhig zu bleiben, egal wie groß die Herausforderung ist“, erklärt er.
Das Handwerk eines Trekking Leaders
Während ein Tourist sich oft nur auf den nächsten Schritt konzentrieren muss, trägt Dipak die Verantwortung für eine ganze Gruppe. Diese Verantwortung wiegt in extremen Höhen oft schwerer als jeder Rucksack.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bereitet sich der 29-Jährige routinemäßig auf jede neue Route vor. Regelmäßiges Wandern, Laufen und Krafttraining gehören ebenso zu seinem Alltag wie eine akribische Planung: Vor jedem Trek studiert er Wetterberichte und Routenverläufe und erstellt Notfallpläne. Ebenso wichtig ist für ihn die mentale Vorbereitung – ruhig zu bleiben und positiv zu denken, auch wenn unvorhersehbare Situationen auftreten. Voraussetzung für seine Arbeit ist zudem ein umfassendes Fachwissen über Höhenkrankheit, Erste Hilfe und Wetterkunde.
Touristen aus aller Welt bringen unterschiedliche Erwartungen und körperliche Voraussetzungen mit. Viele unterschätzen die Höhe oder sind nicht an die rauen Pfade gewöhnt. Hier ist Dipak auch Psychologe, der mit Geduld und Humor versucht, die Gruppe sicher an ihr Ziel zu bringen.



Wenn der Sturm das Kommando übernimmt
Wie wichtig diese akribische Vorbereitung sein kann, zeigte sich am 21. April 2023 im Langtang Valley. Dipak führte eine vierköpfige Wandergruppe auf den Gipfel des Yala Peak auf 5.500 Metern. Insgesamt sollte die Wanderung neun Tage dauern, sechs Tage Aufstieg, eine Nacht am Fuß des Gipfels und dann wieder drei Tage Abstieg. Bis zum finalen Aufstieg auf den Gipfel lief alles wie geplant: Sonnenschein, keine Probleme bei den Reisenden und auch für den Gipfel versprach die Wettervorhersage perfekte Bedingungen.
Die Gruppe brach um 7 Uhr morgens bei Sonnenschein und milden Temperaturen auf. Doch auf rund 4.700 Metern Höhe verschlechterten sich die Bedingungen rasch: Aus leichtem Schneefall entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit ein starker Schneesturm, die Sicht sank auf unter zehn Meter. Kälte und erste Symptome der Höhenkrankheit belasteten mehrere Teilnehmer zunehmend.
Auf etwa 5.000 Metern stand die Gruppe schließlich vor einer Entscheidung: eine Übernachtung mit dem Risiko eingeschneit zu werden oder der Abstieg unter schwierigen Bedingungen. Nach Rücksprache mit den Reisenden entschieden sich Dipak Tiwari und sein Team für den Abbruch und den sofortigen Abstieg.
In absoluter Dunkelheit und bei heftigem Schneefall führte Dipak sechs Menschen an einem steilen, teils etwa 100 Meter tiefen Abhang entlang. Er ging voraus, schaufelte mit seinen eigenen Beinen einen Weg durch den tiefen Schnee und bewies jene mentale Stabilität und Orientierung, die seinen Ruf als Senior Leader festigt. Die Erleichterung, als gegen 22 Uhr die Lichter des Dorfes sichtbar wurden, war grenzenlos.
Die Lehre der Demut
Am nächsten Morgen zeigte sich der Himalaya von seiner ironischen Seite: Bestes Wetter und ein strahlendes Panorama offenbarten sich der Gruppe.
Der Gipfel wäre nur noch 500 Meter entfernt gewesen. Doch für Dipak war das keine Enttäuschung. Für ihn war der Abbruch kein Scheitern – sondern die richtige Entscheidung zur Vernunft. Als Guide lehrte seine Gruppe an diesem Tag die wichtigste Lektion der Berge: Demut. Seine wahre Aufgabe ist es nicht, Menschen um jeden Preis auf einen Gipfel zu bringen, sondern zu erkennen, wo das Abenteuer in tödliche Gefahr umschlägt.
Ein Ausblick auf den Wandel
Dipak beobachtet auch, wie sich seine Heimat verändert. Der Tourismus im Himalaya ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. Die Pfade werden belebter, Teehäuser und Straßen verbessern sich in rasender Geschwindigkeit. Während er die Fortschritte bei der Sicherheit und dem Bewusstsein für nachhaltiges Reisen begrüßt, sorgt er sich auch um den Schutz der Kultur und der Natur.
Trotz der ständigen Gefahr – seine Familie sorgt sich nach wie vor bei jeder Tour – bleibt Dipak Tiwari seiner Berufung treu. Er hat gelernt, den Bergen mit Respekt zu begegnen. Jede Schramme und jeder blaue Fleck ist für ihn ein Teil des Jobs. Die tiefe innere Ruhe, die dieser Job und die Berge generell ihm geben, würde er für nichts auf der Welt eintauschen.
Dipak Tiwari ist mehr als ein Guide; er ist ein Mittler zwischen den Kulturen und ein Bewahrer der Sicherheit in einer Welt der Extreme. Er zeigt, dass eine Grenzerfahrung nicht darin besteht, eine Grenze zu überschreiten, sondern darin, diese Grenze rechtzeitig zu erkennen und zu respektieren.

Dipak Tiwari ist Tour-Guide bei den Himalayan Masters. Er ist 1996 im Gorkha District in Nepal geboren und leitet seit rund 5 Jahren Touren durch den Himalaya. Dabei führt er Touristen vor allem über den Manaslu Circuit und den Langtang Valley Trek – zwei anspruchsvolle Routen, die bis in Höhen von über 5.000 Metern führen.

