Leonie, Lilly

Quelle: Karola G/ www.pexels.com

Mentale Grenzen im Studium: Wie Überforderung die Zukunft prägt

Stress gehört für viele Studierende zum Alltag. Psychologe Foramitti erklärt, warum frühe Überlastung später zu ernsthaften Problemen führen kann. Wir haben nachgefragt, worin die Belastungen liegen und was das für unsere Gesellschaft bedeutet.

Freitagnachmittag, 17:00 Uhr. Die Medizinstudentin Chiara steht seit vier Stunden im Seziersaal der Medizinischen Universität Wien. Die Leiche liegt vor ihr – der beißende Geruch von Formalin in der Luft. Die Anspannung im Raum nimmt zu, in 15 Minuten steht die nächste Prüfung an. Chiaras Puls steigt.

Herzrasen, Angst und Schweißtropfen auf der Stirn – so haben sich schon unsere Vorfahren auf der Flucht vor einem Säbelzahntiger gefühlt. Heutzutage ist es nicht mehr der Säbelzahntiger, sondern eine Deadline oder die verpasste U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Die natürliche Reaktion des Körpers darauf ist Stress.

Chiaras Säbelzahntiger ist das Sezierseminar. „Das ist schon ein hoher Druck, wenn du im Seziersaal stehst. Und was du da tust ist auch einfach psychisch belastend. Außerdem sind manche Tutoren wirklich deppert mit ihren Fragen, nur um dich fertig zu machen.“ Während dieser Prüfungen reagiert ihr Körper mit Stress.

Was ist Stress eigentlich?

Tief verankert im menschlichen Instinkt ist bis heute die Reaktion auf plötzliche Gefahren, den sogenannten Stressoren. Sie reichen von äußeren Reizen wie lange Schlangen an der Supermarktkassa bis hin zu inneren Spannungen wie Selbstzweifel.

Der Körper muss reagieren. Die Verdauung wird heruntergefahren, weil sie in einer Situation wie der Flucht vor einem Säbelzahntiger nicht essenziell ist. Dafür steigt die Herzfrequenz, damit der Körper mehr Sauerstoff bekommt. Große Mengen des Stresshormons Cortisol liefern Energie und machen den Menschen leistungsfähiger.

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Wenn der Körper angespannt ist, reagiert auch das Gehirn. Die kognitiven Fähigkeiten werden hochgefahren und alles andere wird in den Ruhezustand versetzt. Eine Ursache für mentalen Stress ist Selbstdruck.

Damit hat Paul in seinem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) zu kämpfen: „Es ist nie jemand dagestanden und hat sich beschwert, wenn ich eine Aufgabe nicht gemacht habe. Aber es war einfach viel auf einmal. Ich hatte immer irgendwas im Kopf.“

Der 23-Jährige Student war Teil der WU Top League. Das ist ein Programm für Studierende mit besonders guten Noten. Durch dieses können sie bei speziellen Events teilnehmen oder leichter an beliebte Praktikumsstellen kommen. Mittlerweile nimmt sich Paul regelmäßig einen freien Tag.

Wenn der Stress dauerhaft anhält, können diese Symptome negative Auswirkungen haben. Typisch ist das Katastrophisieren. Dabei malt man sich den schlimmstmöglichen Ausgang einer Situation aus und dies führt zu noch mehr Stress. Man ist schlecht gelaunt und trifft sich nicht mit Freund:innen, obwohl gerade das gegen den Stress helfen würde.

Auch ein toxisches Lernklima kann zum Problem werden: „Die Tutoren denken oft sie wären etwas Besseres, obwohl sie vor ein oder zwei Jahren noch an genau der gleichen Stelle waren. Einmal ist eine Studentin im Saal zusammengebrochen und es wurde nur gerufen ‚wir haben unser erstes Blackout‘. Das ist auch nicht lustig.“

Stress ist allerdings eine sehr individuelle Wahrnehmung. Die gleiche Situation kann von unterschiedlichen Menschen oder zu verschiedenen Zeitpunkten ganz anders empfunden werden. Auch die Symptome können sich unterschiedlich äußern.

Was weiß die Wissenschaft?

Druck gilt als Auslöser von Stress. „Es gibt einerseits Druck von außen, möglicherweise von Lehrenden, von familiären Umständen, oder andererseits von sich selbst, dass man die Prüfungen gut macht“, erklärt auch Universität Wien Praedoc Markus Foramitti. Druck könne Stress auslösen, wenn man sich hineinsteigert und beginnt zu katastrophisieren.

Auch Markus Foramitti sieht anhand von Umfragen vermehrt, dass Studierende unter Stress stehen. Sie hätten meist wenig Geld zur Verfügung und könnten sich nicht aussuchen wie sie wohnen.

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Eine zusätzliche Belastung tritt laut Markus Foramitti bei Studierenden auf, die benachteiligten Gruppen zugehören. „Einwander:innen und weibliche Studierende, epfinden besonders viel Druck.“

Auch das IHS kann zeigen, dass die soziale Herkunft von Studierenden das Wohlbefinden beeinflusst. Unter Studierenden mit Eltern, die maximal einen Pflichtschulabschluss haben, geben 30 Prozent an, sich unwohl zu fühlen. Gleichzeitig sind es bei Kindern mit Eltern, die einen Studienabschluss haben, lediglich 23 Prozent. Auch die Werte, die auf Depressionen hindeuten, sind laut der Studie bei Studierenden mit niedriger Elternbildung höher.

Wohlbefinden der Studierenden nach Bildungsgrad der Eltern
Deutlich eingeschränktes WohlbefindenReduziertes WohlbefindenZufrieden-stellendes WohlbefindenSehr gutes Wohlbefinden
Pflichtschule30%20%35%15%
Ohne Matura25%20%41%15%
Matura24%20%42%14%
Studium23%20%43%15%
Quelle: IHS Studierenden-Sozialerhebung 2023 (gerundete Zahlen)
Stressfaktor: Prüfungsphasen

Die Prüfungsphasen lösen besonderen Druck aus. Auch auf die 24-Jährige Chemiestudentin Klara. „Ich bin am meisten gestresst, während den Labors, weil ich da mündliche Prüfungen habe. Du bist von 10 bis 18 Uhr im Labor und musst außerhalb auch noch Übungen und Protokolle darüber machen.“

Klara merkt den Stress am meisten, wenn sie die Dinge zu sehr überdenkt: „Ich bin dann paranoid, dass ich Sachen vergesse. Ich habe das Gefühl, dass etwas fehlt, obwohl ich alles habe. Die Angst bleibt.“

Prüfungsphasen sehen in jedem Studium anders aus. Klara fordern die Labore am meisten. Der WU-Student Paul hat mehrere konzentrierte Prüfungswochen im Semester und für die Medizinstudentin Chiara sind es die vielen Prüfungen im Sezierkurs, die das ganze Semester über stattfinden.

Der Psychologe Foramitti beschreibt ebenfalls Dauerstress als verstärkenden Faktor für die mentale Belastung von Studierenden. „Auf der Uni gibt es oft wenige zeitliche Grenzen. Es ist nicht so wie bei einem 40-Stunden-Job, wo man um neun kommt und um fünf geht. Die Grenzen sind sehr fließend. Es gibt Phasen, wo Freizeit und Uniarbeit ineinander überlaufen.“

Schlechte Mentale Gesundheit hat hohe Kosten

Stress kann zu Depressionen, Schlafstörungen und Burnout führen. Deswegen ist es wichtig das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit zu fördern. Damit sollte man schon so früh wie möglich anfangen.

„Wir verlassen uns auf Studierende, dass sie später wichtige Positionen einnehmen. Sie werden ganz viele wichtige Jobs machen. Wenn sie sehr viel Stress empfinden, dann sinkt die Leistung und steigt die Studiendauer. Das ist mit erhöhten Kosten verbunden, für das Individuum, den Staat und natürlich die ganze Gesellschaft.“
– Markus Foramitti

Es ist also notwendig, Stress zu reduzieren und zu lernen damit umzugehen, damit es nicht durch chronischen Stress zu frühzeitigem Burnout kommt. Wenn Personen bereits während ihres Studiums mit viel Stress und Druck konfrontiert werden, dann müssen sie bereits da lernen gut damit umzugehen. Nur so können sie später das Gelernte anwenden und ihren Arbeitsalltag ebenfalls gut meistern.

Wie kann man mit Stress umgehen?

Bei der Konfrontation mit Stress, gibt es einige Bewältigungsstrategien, die dabei helfen können, ihn zu reduzieren. Einige davon können ganz einfach in den Alltag eingebaut und als kleine Übungen zwischendurch gemacht werden.

All die beschriebenen Skills müssen allerdings geübt werden. Der Psychologe betont, dass es oft ein paar Anläufe braucht, bis sie wirklich wirken. Sind sie aber einmal gelernt, können sie immer wieder angewendet werden. Je früher man beginnt sie zu trainieren, desto eher können sie einem helfen – ob in der Uni oder später im Berufsalltag.

Für Studierende gibt es ein zusätzliches Hilfsangebot: die kostenlose Helpline der Österreichischen Hochschüler:innenschaft (ÖH). Telefonisch können die Expert:innen Hilfe bei Schwierigkeiten im Umgang mit Stress und Druck oder anderen mentalen Problemen leisten. Außerdem können Therapieplätze vermittelt werden.

Die Schilderungen von den Studierenden Chiara, Paul und Klara haben gezeigt, welche Rolle Stress und Druck in ihrem Alltag spielen. „Ein wichtiger Zugang ist natürlich auf institutioneller Ebene. Dass man versucht, von Hochschulebene her das Stresspotenzial zu reduzieren. Das wäre mal so etwas, was eigentlich die Uni oder die Regierung in die Hand nehmen sollte“, so Psychologe Foramitti.

Auch die TU-Studentin Klara befürwortet das: „Es ist ein Problem, dass die Studierenden die diversen Unterstützungsangebote nicht kennen oder nicht wissen, was die ÖH überhaupt macht“. Wenn dazu auch auf persönlicher Ebene gelernt wird mit Stress umzugehen, dann können alle ihre persönlichen Säbelzahntiger bezwingen.