
Die Brücke, an der die Welt zu Ende war
Die Brücke, an der die Welt zu Ende war
Von 1948 bis 1990 durchtrennte der Eiserne Vorhang die Thayabrücke und damit auch die Verbindung zwischen Hardegg in Niederösterreich und dem tschechischen Čížov. Heute steht die Brücke für Zusammenarbeit und Austausch. Der Weg dahin war jedoch ein langer.
Es regnet. Die Holzplanken der Brücke, die bei Hardegg über die Thaya führt, sind dunkelbraun und nass. Das Wasser fließt ruhig unter der Brücke durch. Mitten im Fluss verläuft die Grenze zwischen Österreich und Tschechien. An einem Ende der Brücke stehen zwei Schilder mit der Aufschrift „Republik Österreich“, einmal auf rot-weiß-rotem Hintergrund, einmal auf blauem, umringt von den gelben EU-Sternen. Auf der anderen Seite steht ein kleines ovales Schild. „Česká Republika“ umrahmt in dünnen blauen Buchstaben das tschechische Wappen. Heute markiert die Brücke den Übergang zwischen zwei Ländern und den zwei Nationalparks Thayatal und Podyjí. „Man muss da drüber gehen, dann spürt man das Gefühl, dass sie eine verbindende Brücke ist“, erzählt Friedrich Schechtner, der ÖVP-Bürgermeister von Hardegg. Doch was heute verbindet, war einst Symbol der Trennung Europas.



Heute merkt man nur mehr an den Grenzschildern, dass man beim Überqueren der Thayabrücke in Hardegg das Land wechselt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zog sich der Eiserne Vorhang quer durch Europa und trennte den Kontinent bis 1989 in Ost und West. Er schottete die kommunistischen Länder von den demokratischen Staaten ab und zog auch eine Grenze zwischen Österreich und der damaligen Tschechoslowakei. Dadurch wurde die Thayabrücke zur Trennlinie zwischen zwei Staaten und den beiden Gemeinden Hardegg und Čížov.
Sozialistische Grenztruppen bewachten das Gebiet streng. Auf tschechischer Seite wurden die Bohlen der Brücke entfernt, damit niemand die Grenze passieren konnte. Das Eisengerüst verrostete, auch auf österreichischer Seite wurde der morsche Holzbelag schließlich entfernt.
Was früher eine Verbindung war, wurde zur „toten Grenze“, zum Symbol abgebrochener Beziehungen. „Man ist dorthin gekommen, auf den Platz vor der Brücke und hat sich immer gefragt: Warum ist das ein ganz anderes Leben da drüben? Warum hat man mit den Leuten keinen Kontakt? Es war ein beklemmendes Gefühl“, erinnert sich der Bürgermeister der Stadt Hardegg.
Die bewegte Geschichte einer Brücke
Begonnen hat die Geschichte der Thayabrücke als Zeichen der Annäherung: Als sie 1874 errichtet wurde, war die Freude groß: nun bestand eine direkte Verbindung zwischen den beiden Gemeinden Hardegg und Čížov.
Wer heute über die Brücke geht, passiert zwei Zollhäuser, eines auf jeder Seite des Flusses. Die umliegende Landschaft war einst streng bewacht. Am Flussufer steht noch ein Schild: „Pozor“, auf Deutsch „Achtung“. Im Gestrüpp des Waldes neben der Straße kommt ein schwarzer Bunker zum Vorschein. Schon 1936 baute die Tschechoslowakei aus Angst vor einem Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands entlang der Grenze eine militärische Verteidigungslinie mit Bunkern. Auch das Zollhaus stammt aus dieser Zeit. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 blockierte die Tschechoslowakei die Brücke mit schweren Barrieren, errichtete Panzersperren, um mögliche Angriffe abzuwehren und bereitete die Brücke für eine Sprengung vor, zu der es nie kommen sollte. Ende Oktober 1938 wurde die Region, in der Čížov lag, ans Deutsche Reich angeschlossen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem kommunistischen Umsturz in der Tschechoslowakei 1948 wurde das Grenzgebiet Teil des Eisernen Vorhangs, der bis 1989 ganz Europa in Ost und West teilen sollte. „Die Bevölkerung hat direkte Angst gehabt“, erinnert sich der Bürgermeister, der selbst in Hardegg aufgewachsen ist. Dort, wo die Grenze nicht in der Thaya, sondern im Wald verlief, sei man stets gewarnt worden, besonders aufzupassen, um nicht von tschechischen Grenzwachen mitgenommen und verhaftet zu werden, erzählt er. In der damaligen Tschechoslowakei erstreckte sich entlang der Grenze ein bis zu zwölf Kilometer tiefes Sperrgebiet. Dessen Zentrum bildete die „verbotene Zone“, die nur Grenzsoldaten betreten durften. Wachtürme, Stacheldraht, Minenfelder und Fahrzeugsperren prägten die Region. Ganze Dörfer wurden abgerissen, die Einwohner:innen umgesiedelt. Einige Kilometer entfernt von der Thayabrücke, in der tschechischen Ortschaft Čížov, steht noch ein letzter Rest des Eisernen Vorhangs: Zwei Reihen Stacheldraht verlaufen entlang einer schmalen Straße, in der Ferne sieht man einen Wachturm.


In Čížov erinnern die letzten Reste des Eisernen Vorhangs noch heute an die Trennung.
Durch die streng bewachte Grenze gab es auch für die Menschen in Hardegg keinen Kontakt zum Nachbarland. Bürgermeister Schechtner erinnert sich auch heute noch an diese Zeit: „Ich bin ein Musiker und wir haben oft vor der Kirche in Hardegg musiziert, zum Beispiel am Allerheiligentag oder am Fronleichnamstag. Dann hat man immer gesehen, wie Tschechinnen und Tschechen auf der anderen Seite weit oberhalb der Thaya gestanden sind. Hinunter zur Thaya durften sie nicht, aber sie haben die Musik gehört. Und wir haben hinübergeschaut und gesagt: Sind das andere Menschen, warum ist das so? Wir haben schon die Sehnsucht gehabt, dass man da wieder zusammenkommt.“
Diese Sehnsucht hatte nicht nur der Bürgermeister der österreichischen Kleinstadt. Im November 1989 kam es zu Protesten und Demonstrationen in der Tschechoslowakei, die schlussendlich zur „Samtenen Revolution“ führten. Der Machtwechsel in der CSSR machte den Weg zur europaweiten Auflösung der Grenzanlagen frei. Die Euphorie breitete sich bis zur Thayabrücke in Hardegg aus. Am 26. Dezember 1989 – noch vor der offiziellen Grenzöffnung – balancierten die Bewohner:innen von Čížov über das verrostete Stahlkonstrukt der Brücke. Die Bewohner:innen von Hardegg kamen ihnen entgegen. „Da herrschte überschwängliche Freude. Die Leute haben die Bevölkerung von drüben umarmt, obwohl man die gar nicht mehr gekannt hat nach der langen Zeit.“, erinnert sich Bürgermeister Friedrich Schechtner.

Am Geländer der Brücke erinnern heute Fotos anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Brücke an die euphorischen Momente von 1989.
Von da an ging alles sehr schnell: Schon im Winter 1990 starteten die Reparaturen an der Brücke in Hardegg: Radfahrende und Fußgänger:innen sollten sie wieder überqueren können. Am 12. April 1990 wurde die Thayabrücke offiziell eröffnet. Ein Stein auf der österreichischen Seite der Brücke erinnert an diesen Tag: „Wiedereröffnung der Grenzbrücke Hardegg. April 1990”. Auch der Bürgermeister blickt gerne auf diese Zeit zurück: „Wir haben ein großes Fest gefeiert.“ Zur Eröffnungsfeier strömten rund 10.000 Besucher:innen auf die Brücke. Menschen, die über Jahre hinweg so nah aneinander und doch ohne jeglichen Kontakt gelebt hatten, fielen sich in die Arme. Erstmals nach 42 Jahren Trennung wurde die Brücke wieder zum Symbol der Verbindung.
Der lange Weg zurück
Die Zeit an der toten Grenze hinterließ jedoch Spuren in Hardegg, die teilweise noch bis heute anhalten. Junge Menschen verließen die Gemeinde und übersiedelten in größere Städte, die ihnen mehr Perspektiven boten. Im Zehnjahresschnitt verlor Hardegg zehn Prozent der Bevölkerung, nur die Älteren blieben. Das wirkt auch heute noch nach in der kleinsten Stadt Österreichs. Der Bürgermeister weiß: „Der Weg zurück ist meist ein langer“.
Die Abwanderung konnte aber gestoppt werden: Auch junge Menschen ziehen wieder nach Hardegg. „Wir haben in den letzten zehn Jahren gemerkt, dass wir mehr Kindergartenplätze brauchen, unsere Volksschule ist wieder besser besucht. Nur wenn es uns auch gelingt, die jungen Leute da zu halten, wird es auch zukünftig keinen Abwanderungstrend geben“, sagt Bürgermeister Schechtner.
Dafür versucht die Gemeinde vor allem die nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen: Gemeindeärzt:innen siedeln sich an und Geschäfte werden modernisiert. Vereine, wie die Musikkapelle und die freiwillige Feuerwehr, binden laut dem Bürgermeister an die Gemeinde und bewegen insbesondere junge Leute dazu, zurückzukehren.
Auch der Tourismus ist wieder in Hardegg angekommen und die Nächtigungszahlen steigen. Im Bezirk Hollabrunn ist Hardegg mittlerweile bei der Anzahl der Übernachtungen an dritter Stelle. „Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, dass man auch Arbeitsplätze sichern kann. Nur wenn man Arbeit hat, dann werden auch Leute dableiben.“, betont Friedrich Schlechter.
Alle Hoffnungen, die man 1989 hatte, konnten nicht erfüllt werden. Der Bürgermeister der Stadt Hardegg sieht das Zusammenwachsen als „schwierigen und langen Prozess, der immer noch nicht ganz abgeschlossen ist“. Das größte Problem dabei seien die verschiedenen Sprachen und die damit verbundenen Verständigungsprobleme. Für die Zukunft wünscht sich Bürgermeister Schechtner gezielten Sprachunterricht, um die Kommunikation der beiden Gemeinden zu verbessern. Im Kindergarten in Hardegg gibt es schon eine Tschechischlehrerin und Partnerschaften mit tschechischen Kindergärten, aber in der Volksschule steht Tschechisch bereits nicht mehr auf dem Lehrplan.
Die Thayabrücke entwickelte sich seit der Wiedereröffnung 1990 dennoch zu einem Ort des Austauschs zwischen Tschechien und Österreich. 2004 fielen mit dem EU-Beitritt Tschechiens alle Grenzkontrollen weg. 2023 wurde die Brücke schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Das Abkommen ist die erste gemeinsame tschechisch-österreichische Denkmalschutzerklärung überhaupt. Die Brücke ist heute Erinnerung daran, wie leicht Verbindungen verloren gehen können und wie wichtig es daher ist, diese zu bewahren. „Wir haben schon viele Gäste hier gehabt, von der Landeshauptfrau bis zum Kreishauptmann der tschechischen Seite, die Außenminister waren schon da zu verschiedenen Jubiläen und haben sich die Hand gereicht. Das verstärkt natürlich die Symbolik.“, sagt Bürgermeister Friedrich Schechtner.

Die Thayabrücke in Hardegg ist heute ein Ort des Austauschs.
Vor allem wegen der Nationalparks auf beiden Seiten der Brücke stehen die beiden Gemeinden in dauerhaftem Austausch. Der Bürgermeister bezeichnet diese als „sehr verbindend“. Auf der Brücke finden regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Nachbarschaftstreffen oder Musikveranstaltungen statt. Die Musik ist dem Hardegger Bürgermeister ein großes Anliegen. Früher wurde ihm gerade während des Musizierens die Trennung der beiden Länder bewusst, heute macht man wieder gemeinsam Musik. „Die Brücke ist ein verbindendes Element, weil sie zuerst ein Symbol der Trennung war. Jetzt ist sie ein Symbol der Einheit Europas.”
Der Regen prasselt noch immer auf die Brücke, die Thaya fließt weiter ruhig unter ihr hindurch. Heute erinnert nur noch die Farbgestaltung des Geländers an die einstige Trennung: das Grün auf österreichischer Seite wird zu Türkis, sobald man die Grenze übertritt. Es ist dieselbe Strecke wie früher, nur ohne Schranken, Wachtürme oder verbotene Zonen.

Friedrich Schechtner (60) aus Niederfladnitz ist Bürgermeister von Hardegg, Landwirt und Obmann der Bezirksbauernkammer Hollabrunn.
© Gemeinde Hardegg

