
Belastung von Polizist:innen
„Du kannst nicht auf alles vorbereitet werden“
„Du kannst nicht auf alles vorbereitet werden“
Manuel ist Polizist in Wien. Er arbeitet oft 24 Stunden am Stück und erlebt im Streifendienst immer wieder fordernde Situationen – emotional und körperlich. Wie schafft er diesen Job?
„Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich auf diesen Einsatz gerne verzichtet“, sagt Manuel. Er ist 24 Jahre alt und seit zwei Jahren Streifenpolizist in Wien. Seinen echten Namen möchte er nicht preisgeben. Besonders in Erinnerung bleibt ihm der Suizid eines jungen Burschen am Gleis.
„Man merkt, wie jung man für diese Arbeit ist“
2023 hatte Manuel seine Ausbildung bei der Polizei beendet. Kurz danach fuhr er mit einem Kollegen zu einem Bahnhof. Sie waren an dem Tag nur zu zweit – unüblich bei so einem großen Einsatz, sagt er. „Es war auch nicht unsere Zuständigkeit. Aber die Polizei war mal wieder massiv ausgelastet.“ Er habe durch die Ausbildung gewusst, was zu tun ist. „Aber auf das, was du dann siehst, kannst du nicht vorbereitet werden.“ Manuel musste den Burschen identifizieren. „Sprich, du gehst recht nah an ihn heran und musst ihn unter Umständen berühren.“ Da war der Bursche schon längst tot.
Nach dem Einsatz wurden Manuel und sein Kollege zu einer Wohnung gerufen, wo sich Nachbarn über zu viel Lärm beschwert hatten. „Da klopfst du dann an und sagst: ‚Hey, die Party ist zu laut‘. Und was hast du im Hinterkopf? Den Burschen.“ Manchmal habe er die Bilder noch immer im Kopf. „Man merkt, wie jung man eigentlich für diese Arbeit ist“, sagt er. „Und wie wenig Lebenserfahrung man an den Tag legt, auch ich, mit 24 Jahren.“
Viele und schwer planbare Überstunden
Nicht nur die Einsätze belasten Manuel, sondern auch das hohe Arbeitspensum: „Ich kenne keinen Kollegen, der keine Überstunden macht.“ Normalerweise geht eine Schicht von Manuel zwölf Stunden. Wenn er Überstunden machen muss, die auch unerwartet kommen können, arbeitet er aber 24 Stunden am Stück, also noch einmal 12 Stunden.
„Man ist teilweise massiv übermüdet. Der Großteil hat Schlafprobleme, auch im Urlaub. Man hat deutlich weniger Freizeit, wenn man im schlimmsten Fall 70 oder 80 Stunden in der Woche arbeitet“, sagt Manuel. Wenn seine Freunde feiern gehen, kann er selten mitkommen. Er versucht deswegen, seine Freizeit möglichst im Voraus zu planen.
Körperlich und psychisch stecke ich das als junger Mensch noch leichter weg. Aber mit einem geregelten Arbeitsalltag und regelmäßigem Schlaf ist das allgemeine Wohlbefinden sicher besser.
Ab der zwölften Stunde im Dienst sinke auch seine Motivation. Er ist gereizter, ärgert sich mehr über Dinge, wird auch mal mit seinem Gegenüber ungeduldiger. Wie wirkt sich das auf seine Arbeit aus? „Ich denke, die leidet nicht merklich darunter“, sagt er. „Die Arbeit wird gemacht. Aber wir sind auch Menschen, und wenn du schwer übermüdet bist, dann kann es sein, dass du vielleicht schneller laut wirst als notwendig.“
Überstunden sollen reduziert werrden
In Wien brachten es die rund 7.000 Polizist:innen letztes Jahr auf etwa zwei Millionen Überstunden. Ein neues Dienstzeitmodell soll künftig die Überstundenbelastung reduzieren, schreibt das Bundesministerium für Inneres. Polizist:innen sollen selbst entscheiden, ob sie mehr Freizeit haben möchten oder mehr arbeiten wollen. Gewerkschaften befürchten Gehaltseinbußen und sprechen von einem Sparpaket.
„Peer-Support“ als Hilfe
Innerhalb der Polizei ist die erste Anlaufstelle bei belastenden Erfahrungen der sogenannte „Peer-Support“. Polizist:innen können sich dabei an Kolleg:innen wenden, die extra für psychische erste Hilfe geschult sind – quasi „Laienhelfer“ für erste entlastende Gespräche. Zusätzlich gibt es Angebote wie die Mitarbeiterbetreuung der Landespolizeidirektion Wien. Das ist eine Anlaufstelle für alle Polizist:innen, die über Probleme reden wollen, egal welcher Art.
Manuel hat beides bisher nicht genutzt. Er kenne auch niemanden, der das gemacht hat. Trotzdem kann er sich vorstellen, die Hilfe bei massiv belastenden Einsätzen in Anspruch zu nehmen – zum Beispiel bei Terroranschlägen oder Amokläufen.
„Symbolisch duschen“, um die Polizeiarbeit abzulegen
Bei seinen bisherigen Einsätzen hat Manuel gelernt, eine gewisse Distanz zu wahren. „Wenn du bei einem Todesfall mittrauerst, hältst du das nicht aus. Das klingt vielleicht herzlos, diese Distanz, aber du darfst das nicht an dich ranlassen.“ Er erzählt auch seinen Freunden oder seiner Familie von belastenden Einsätzen: „Darüber reden hilft massiv. Emotionen zeigen oder sich eingestehen, dass etwas zu viel ist, könnte sicher noch mehr anerkannt werden.“
Trotzdem kann Manuel die Arbeit daheim manchmal nicht abstreifen. „Man kommt nach Hause und hat nur die Polizei im Kopf“, sagt er. „Da tun wir uns als Polizist:innen schon schwer.“ Ein befreundeter Arzt riet ihm, zuhause symbolisch duschen zu gehen, sich die Arbeit „abzuwaschen“. Probiert hat er es bisher noch nicht, aber er kann sich vorstellen, dass das hilft.
Auch wenn er mit Kolleg:innen privat unterwegs ist, gehe es meistens um den Beruf. „Es gibt Kollegen, die leben für die Polizei und sind das 24-7, auch privat.“ Manchen würde es nicht schaden, „auch mal abzuschalten“, sagt er.
Wenn ich privat unterwegs bin und es geht vor mir jemand bei Rot über die Ampel, dann hege ich keinen Groll. Ich kenne Kollegen, Kolleginnen, die dann was sagen, sei es auch nur ein Kommentar oder Spaß. Da denke ich mir schon: Hey komm, morgen kannst du eh wieder sagen: „Stopp, das ist rot, das ist verboten.“
Ein Zeichen von Schwäche?
Polizisten gelten als „harte Kerle“. Fällt es ihnen schwerer, über Belastungen zu reden? Manuel zögert: „Dazu will ich mich nicht äußern. Aber man kann sich schon seinen Teil denken.“ Bei der Polizei habe er aber auch viele positive Erfahrungen gemacht. Mit Kolleg:innen, die er gut kennt, könne er praktisch über alles reden.
Nach seinem Einsatz mit dem Burschen, der am Gleis Suizid beging, sei auch sein Vorgesetzter auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob er etwas brauche. „Es gibt Vorgesetzte wie ihn, die erkundigen sich nach dir, es gibt aber auch welche, die nehmen deine Arbeit mehr als gegeben an.“
Studien zeigen, dass das Eingestehen von Schwäche im Polizeiberuf oft noch tabu ist. Im „Handbuch Polizeipsychologie“ aus dem Jahr 2023 schreibt Malte Schophaus, Professor für Psychologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen: Reflexion im Polizeiberuf sei „bisher ein Nischenthema“ gewesen. In dem traditionell männlich geprägten Umfeld der Polizei sei das Eingestehen von Fehlern oder Unsicherheit unüblich.
Nach diesem Bild dürfen Polizist*innen keine Schwäche nach außen zeigen und müssen ihrem sozialen Umfeld bedingungsloses Durchsetzungsvermögen demonstrieren.
Inzwischen beobachtet Schophaus jedoch ein Umdenken. Das Sprechen über eigene Grenzen und Gefühle sei keine Schwäche, sondern notwendig, um gesund zu bleiben und professionell zu handeln.
Schwarzer Humor hilft
Was auch eine wichtige Rolle spielt, wenn es um die Verarbeitung von Belastungen geht: Humor. „Am Anfang haben mich die Witze, die gerissen werden, etwas geschockt“, sagt Manuel. „Wenn das ein Außenstehender hören würde, fände er das nicht lustig. Aber in dem Moment braucht man das.“ Er kenne dieses Muster auch von Kolleg:innen aus der Rettung oder der Feuerwehr. „Wenn du es mit Witzen schaffst, eine Ernsthaftigkeit rauszunehmen und die Belastung zu minimieren, ist das gut.“
Trotz aller Belastung macht Manuel seinen Job gerne. Auch die gute Bezahlung habe bei seiner Jobwahl eine Rolle gespielt. Ob er in zehn oder zwanzig Jahren noch als Streifenpolizist unterwegs sein wird, weiß er nicht. Er kenne auch Kolleg:innen, die Burn-out gehabt hätten: „Ich kann mir auch vorstellen, dass mir das irgendwann zu viel wird. Aber noch kann ich das alles gut wegstecken.“
Gesprächspartner
Manuel ist 24 Jahre alt und Streifenpolizist in Wien. Sein echter Name wurde anonymisiert.
Hinweis: In einer früheren Version des Artikels wurden Aussagen einer Polizeipsychologin aus der Mitarbeiterbetreuung der Landespolizeidirektion Wien berücksichtigt, um die Erfahrungen von Manuel S. aus psychologischer und polizeilicher Sicht einzuordnen. Nach dem Interview mit der Psychologin gab die Pressestelle der Landespolizeidirektion Wien die übermittelten Passagen nicht zur Veröffentlichung frei.
Quellen
Staller, M. et al. (Hrsg.) 2023: Handbuch Polizeipsychologie, darunter: Schophaus, M. 2023: Reflexion in der Polizei – organisatorische und methodische Rahmenbedingungen.
Wiener Zeitung: Viel Lob für Einsatzkräfte, doch was ist mit ihrer Psyche? (Viel Lob für Einsatzkräfte, doch was ist mit ihrer Psyche? | WZ • Wiener Zeitung)
Bildquelle: Unsplash/Armin Ademović
